The World Without Us
Ausstellung in der Städtischen Galerie Eichenmüllerhaus Lemgo
01.03. bis 15.03.2026, 22.03. bis 26.04.2026, 10.05. bis 05.07.2026
Einführung Laura Rehme
Rainer Zerback, geboren 1958 in Stuttgart, gehört zu denjenigen Künstler*innen, die das scheinbar Bekannte wiederholen und mit wachem Auge hinterfragen, sodass es sich uns in einem neuen Licht offenbart. Seit über dreißig Jahren beschäftigt Zerback sich fotografisch mit dem Thema Zivilisation – mit dem, was der Mensch geschaffen hat, und mit dem, was bleibt, wenn man ihn gedanklich aus der Welt nimmt.
Die Serie der Contemplationes umfasst Arbeiten aus den Jahren 2000 bis 2023, überwiegend analoge Fotografien, insgesamt 69 Bilder, von denen in der aktuellen Ausstellung 18 ausgewählte Arbeiten zu sehen sind.
Rezension »Rezension Lippische Landes-Zeitung« - 28.02.2026
Überbelichtet – mit System
Fotograf Rainer Zerback stellt ab Sonntag, 1. März, im Eichenmüllerhaus aus. Kommen die Bilder aus einer romantisch-schönen Welt – oder aus einer apokalyptischen?
Jens Rademacher
Lemgo-Brake. Ein Gebirgssee, in helles Licht getaucht. In der Mitte eine verlassene Badeplattform. Wasser und Berge – nur angedeutet. Liegt Nebel über der Szene? Wo sind die Menschen? Und: Ist das überhaupt ein Foto? Zumindest die letzte Frage lässt sich klar beantworten: Ja, das ist ein Foto, das ist nicht gemalt. Der Ludwigshafener Fotograf Rainer Zerback zeigt in der Städtischen Galerie 18 seiner Fotografien aus einer Serie. Eröffnet wird die Ausstellung am morgigen Sonntag, 1. März.
Wandfüllend die verlassene Landstraße und die endlose Reihe Telegrafenmasten, die sich, in milchiges Licht getaucht, kilometerweit bis zum unsichtbaren Horizont erstrecken. Ebenfalls menschenleer ist der Strand, ganz einsam und unberührt sieht die Reihe an Strandkabinen aus. Zerbacks Bilder lassen viel Raum für Interpretationen. Und so verwundert es nicht, dass es für die Fotos zwei Titel gibt, die nicht auf einen Nenner zu bringen sind: Die Serie heißt »Contemplationes«, doch die Ausstellung trägt den Titel »The World Without Us«. Der Widerspruch hat eine Geschichte. Zerback arbeitete über Jahre an der Serie mit überbelichteten Fotos, mit hellen Farben, die eine Atmosphäre der Entrücktheit schaffen.
Die Menschenleere, das Romantisierende habe etwas Meditatives, sagt der 68-Jährige. Deshalb wählte er den lateinischen Titel »Contemplationes« für die insgesamt 70 Werke, die seit dem Jahr 2000 entstanden, der Versunkenheit oder beschauliches Nachdenken bedeuten kann. »Er soll bewusst nicht die Hektik unserer Zeit widerspiegeln«, erläutert der Ludwigshafener.
Dann passierte etwas Unvorhergesehenes: Als Zerback vor wenigen Jahren einen Katalog zu der Serie machen wollte, schrieb die Kulturwissenschaftlerin Lotte Dinse einen Text für den Katalog – mit einer anderen Sicht auf Zerbacks überbelichtete Bilder: »Welt ohne uns« oder auf Englisch »The World Without Us« war der Text für den Katalog überschrieben, der auch im Eichenmüllerhaus zu haben ist. »Die hat die Bilder ganz anders interpretiert als ich«, sagt Zerback. »Die Bilder erzeugten im Jahr 2023 auch den Eindruck einer postkatastrophischen Welt.«
Für den Künstler war diese komplett widersprüchliche Interpretation indes ein Glücksfall, wie er sagt: »Ich bin froh, wenn jeder seine eigene Deutung findet.« Und die von Lotte Dinse traf unter dem Eindruck von Kriegen und Katastrophen offenbar einen Nerv beim Publikum und in den Medien: »Die Serie ging ab wie eine Rakete«, sagt der Künstler und zeigt sich sehr glücklich: Das Fernsehen berichtete, der Katalog gewann einen Fotobuchpreis. Er betont: Er sei nicht derjenige, der die alleinige Deutungshoheit über seine Werke beanspruche. So erläutert der Kunstverein, der die Ausstellung in Kooperation mit der Stadt Lemgo veranstaltet, dass die dystopische Deutung gleichwertig neben den früheren Lesarten stehe. Klar ist aber, wie Zerback es formuliert: »Die Serie wurde von einer Rückwärts- in eine Vorwärtsgewandtheit katapultiert.«
Der Gebirgssee im hellen Licht – vielleicht also im Licht des Blitzes einer Atombombe? Denkbar. Wenn der Mensch von der Welt verschwindet, bleiben menschliche Relikte, die auf vielen Fotos zu sehen sind und nun ihre Nutzlosigkeit offenbaren: das verlassene Boot, die einsamen Grillplätze. Wer‘s weniger apokalyptisch mag, kann der Einladung Zerbacks folgen, sich beim Besuch der Ausstellung dem surrealen Eindruck hinzugeben, in die Traumwelt einzutauchen und dem Alltag entrückt zu werden.
Um die Illusion der Menschenleere, die teils durch Bearbeitungen entstand, nicht zu zerstören, habe er bewusst nicht angegeben, wo die Fotografien entstanden, sondern die Werke durchnummeriert, sagt Zerback. Er war weltweit auf Motivsuche und fotografierte in Bolivien, Kuba, Peru, Belgien, den USA, der Schweiz, in der Toskana, auf Teneriffa – und in der Pfalz. Zu sehen nun in Lemgo-Brake. Der Kontakt zum Kunstverein war über eine befreundete Künstlerin entstanden, die bereits in der alten Hansestadt ausgestellt hatte, sagt Zerback.
Bei der Ausstellungseröffnung am Sonntag, 1. März, können sich die Besucher im Eichenmüllerhaus, Braker Mitte 39, ab 11.30 Uhr selbst wie Kunstvereins-Vorsitzende Annette Paschke-Lehmann fragen: »Ist es ein Foto oder nicht?« In die Ausstellung führt Laura Rehme, Kuratorin der Kunsthalle Bielefeld, ein. Zerback ist selbst vor Ort. Der Eintritt ist frei.
Die Ausstellung ist dann bis zum 5. Juli im Obergeschoss der Galerie zu sehen – mit Unterbrechungen vom 16. bis 21. März und vom 27. April bis 9. Mai.
Sie erreichen den Autor per E-Mail an jrademacher@lz.de


