Fotografie • Fotojournalismus

Contemplationes

Ausstellung des Kunstvereins Neckar-Odenwald, Kreiskrankenhaus Buchen

13.03 bis 14.05.2006

Interview Evemie Wolf

Berührte Landschaften

Rainer Zerback beschäftigt sich seit 1989 mit der Fotografie. Bekannt wurde er u. a. durch einen Fernsehbericht im SWR3 Kultur-Café, 2002; mit Portfolios in den Zeitschriften »Photographie« und »FotoMagazin« sowie als Sieger des Wettbewerbs »Menschen in Deutschland«, 1999.

Rainer Zerback arbeitet seit 1999 an der Ausstellung »Contemplationes«. 22 Fotografien sind es bis heute und sie wächst: Langsam, sorgfältig gewählt und durchdacht. Ein Sog geht von diesen unwirklichen Pastell-Landschaften aus. Ein flüchtiges Hinschauen ist unmöglich, der Betrachter muss stehen bleiben. Es zieht ihn in die Bilder hinein. Er sucht und findet: Sich selbst – seine Spuren, seine Berührung der Landschaft. Wie und warum sich Rainer Zerback so intensiv mit dem Wechselspiel Landschaft – Mensch beschäftigt, fragt ihn Evemie Wolf, 2. Vorsitzende des Kunstvereins Neckar-Odenwald, in diesem Interview.

Wolf: Herr Zerback, Sie nennen dieses Projekt »Contemplationes«, ein anderes, verwandtes »Reflectiones«. Hat es einen Grund, dass Sie als Sprache Latein gewählt haben und nicht die populäre englische Sprache?

Zerback: Die Sprache ist in der Tat bewusst gewählt. Nicht weil ich mich damit gegen Anglizismen wenden will, sondern passend zum Charakter der beiden Serien die Sprache einer Zeit nutzen will, die sich fundamental von der Rastlosigkeit unserer Zeit unterscheidet, für die die Globalisierungssprache Englisch symbolisch steht. Bei anderen Serien, die genau dieses Element beinhalten, kann dagegen ein englischer Titel angemessen sein.

Wolf: Die »unberührte Landschaft«, dieses gern gesehene Fotomotiv, gibt es in ihren Fotografien nicht. Ein erhobener Zeigefinger gegen die Menschheit, die »Zivilisation« oder sachliche Feststellung?

Zerback: Die Landschaften der Serie »Contemplationes« kommen auf den ersten Blick sehr ästhetisch, sehr romantisch daher. Bei vielen Bildern bemerkt man erst auf den zweiten Blick, dass sie nicht unberührt sind. In dieser Dualität oder Ambivalenz sind die »Contemplationes« weder Unorte, noch idyllische Zufluchtsstätten. Sie sind in ihrer Darstellung von Wirklichkeit einerseits sachlich, andererseits, so hoffe ich, fremdartig und zwiespältig genug angelegt, um beim Betrachter einen Prozess des Bewusstwerdens und Nachdenkens über unsere Lebensräume auszulösen. Wohin dieser Prozess den Betrachter führt, möchte ich nicht vorbestimmen.

Wolf: Wie sind Sie zu Ihrer Betrachtungsweise gekommen, gab es eine Entwicklung dahin oder einen Auslöser?

Zerback: Wie jede künstlerische Produktion unterliegt auch die Serie »Contemplationes« vielfältigen biografischen, gesellschaftlichen und kunstgeschichtlichen Einflüssen, die bei der Entstehung mehr oder weniger bewusst eingeflossen sind. Auf jeden Fall kann man versuchen, diese Einflüsse im Nachhinein auch für sich selbst nachzuvollziehen. Dieser analytische Schritt beeinflusst wiederum die weitere Arbeit an der Serie, den synthetischen Schritt, das Konzept der Serie stimmig zu machen. Konkret: Von klein auf haben mich vom Menschen gestaltete Landschaften fasziniert. Außerdem habe ich mich immer nach der Weite freier Landschaften gesehnt, die, anders als die urbane Landschaft, den Blick nicht verstellen. Das ist ein wichtiger von mehreren biografischen Aspekten. Seit den 1970er Jahren habe ich natürlich das Wechselspiel Mensch – Natur sehr bewusst als gesellschaftliches Thema erlebt, das stetig neue Facetten entwickelt hat. Ich sehe dabei emotionale wie rationale, dogmatische wie pragmatische Positionen und Aspekte; auch dies ist in der Serie »Contemplationes« enthalten. Fotografiegeschichtlich kann man die Serie zwischen zwei wichtigen Strömungen der Landschaftsfotografie angesiedelt sehen: Der idealisierenden, oftmals sogar pathetischen Landschaftsdarstellung der »Straight Photography« und den »New Topographics«, die zivilisatorisch geprägte oder banale Landschaften ohne jegliche Wertung in nüchtern-sachlicher Weise zeigen.

Wolf: Wie geplant entstehen Ihre Bilder?

Zerback: Die Strategie kann von Serie zu Serie, ja von Bild zu Bild ganz unterschiedlich sein. Mal gibt es einen Auslöser, mal nicht. Im Ergebnis macht es für mich keinen Unterschied, ob ich bestimmte Landschaften für ein Bild gezielt aufsuche, in Situationen spontan Bilder für die Serie entdecke und fotografiere oder im Nachhinein aus vorhandenem Bildmaterial Bilder der Serie zuordne, wenn sie die konzeptionellen Voraussetzungen dafür erfüllen.

Wolf: Ist die Technik, wie diese Fotografien entstehen, ein Geheimnis, oder können Sie sie kurz beschreiben?

Zerback: Grundsätzlich halte ich nichts davon, ein Geheimnis um die Technik zu machen, mit der man arbeitet. Letztlich rechtfertigt sich die Technik durch die Inhalte und Wirkungsintentionen und ist ohne diese kein Rezept zur Erstellung beziehungsweise Nachahmung von fotografischen Werken. Die Technik ist in den allerwenigsten Fällen die konzeptionelle Substanz eines Werkes und von daher auch nicht der wesentliche Copyright-Träger. Die Bilder sind noch in herkömmlicher analoger Technik entstanden. Sie werden auf niedrigempfindlichem Farbnegativfilm aufgenommen und dabei um circa eine Blende überbelichtet. Beim Vergrößern werden die Bilder so stark unterbelichtet, dass sie ihre charakteristische helle, duftige Anmutung erhalten. Die farblichen Verfremdungen sind das Ergebnis entsprechender Farbfiltereinstellungen am Vergrößerer. Um trotz aller zurückgenommenen, pastellenen Farbigkeit eine farbliche Reinheit und Intensität zu erzielen, ist bei den gezeigten Bildformaten mindestens ein Mittelformatnegativ Voraussetzung.

Wolf: Eine andere Ihrer Fotoserien, »Geopolis«, zeigt reale Städte, die – wie Ihre Landschaften – nicht mehr erkennbar sind. Warum darf sich beim Betrachter kein Wiedererkennungseffekt einstellen?

Zerback: Die Serie »Geopolis« ist eine Vision, die Serien »Contemplationes« und »Reflectiones« sind Illusionen. Visionen und Illusionen funktionieren einfach besser, wenn der Realitätsbezug fehlt. Würde man in einem Bild der Serie »Geopolis« beispielsweise das heutige New York erkennen, könnte ich damit nicht die Vision einer zukünftigen anonymen, erdumspannenden Globalstadt entwickeln. Und die Bilder der Serie »Contemplationes« sind aus diesem Grund titellos durchnummeriert.

Wolf: Was möchten Sie beim Betrachter Ihrer Bilder auslösen, haben die Bilder eine »Mission«? Welchen künstlerischen Auftrag hat Ihre Fotografie?

Zerback: Eine Mission verfolge ich mit meiner Fotografie nicht, und ich hoffe, dass sie nicht als belehrend empfunden wird. Ich will die Menschen allerdings zum Hinsehen bewegen, was in unserer von Bildern überfluteten Zeit schon eine Herausforderung ist. Ich wünsche mir, dass meine Bilder vielschichtig genug sind, dass sie den Betrachtern eine Vielzahl und Vielfalt an Interpretationen, Emotionen ermöglichen, ja, und eben vielleicht auch Kontemplation und Reflexion initiieren – welchen Inhalts auch immer.

Wolf: Die Serie »Contemplationes« umfasst derzeit 22 Fotografien, sie soll noch wachsen, bis auf circa 40 – warum diese Festlegung?

Zerback: Zunächst einmal: Die Technik, die ich eben beschrieben habe, funktioniert bei den wenigsten Motiven. Die Motive wollen aus formalen und inhaltlichen Gründen sorgfältig ausgewählt und davor überhaupt erst gefunden werden. Ich habe sicherlich 10 bis 15 weitere Bilder für die Serie ausgeschlossen, weil sie meine eigenen qualitativen Maßstäbe nicht erfüllten oder weil sie Wiederholungen bestehender Bilder der Serie waren. Das ist der Grund, warum die Serie sehr langsam, vielleicht sogar immer langsamer wächst. Ich würde gerne ein Buch mit den »Contemplationes« herausbringen, und da sind 40 bis 50 Bilder eine verlegerische Untergrenze. Ich gehe davon aus, dass das Konzept das Potential für 40 echte Varianten birgt.

Wolf: Gibt es Fotokünstler, deren Werk sie besonders bewundern?

Zerback: Weil ich mich auch theoretisch sehr viel mit Fotografie und Fotografiegeschichte beschäftige, habe ich mich intensiv mit unzähligen Fotografen, ihrer Biografie und ihrer Gedankenwelt auseinandergesetzt. Aus diesem intensiven Verständnis heraus bringe ich ihren Werken und der ihnen zugrunde liegenden Interpretation von Wirklichkeit fast automatisch Bewunderung entgegen. Sehr stark beeinflusst hat mich, glaube ich, die Begegnung mit Robert Häusser und die Beschäftigung mit seinem Werk. Sein jahrzehntelanges, monumentales fotografisches Schaffen hat mich überaus beeindruckt. Sein Werkverständnis, seine Ausgewogenheit zwischen stilistischer Kontinuität und Entwicklung sowie seine Gründlichkeit bei der Entwicklung, Umsetzung und Beurteilung seiner fotografischen Ideen und Konzepte haben meine Haltung zur Fotografie, auch der eigenen, sehr stark geprägt.

Einführung Volkhard Wolf

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde,

an seiner Serie »Contemplationes«, die wir bis Mai 2006 hier ausstellen, arbeitet Rainer Zerback jetzt schon seit 1999. Sie umfasst heute gerade mal gut zwanzig Arbeiten. So wenige in so vielen Jahren ? – eigentlich immer noch ungewöhnlich für einen Fotografen. Schon hier wird deutlich, wie wählerisch Rainer Zerback bei der Auswahl seiner Motive ist.

Es geht darum, einfache archaische Landschaften zu erfassen. Motive, bei denen Vordergrund, Hintergrund und der Himmel nicht selten zu einem Kontinuum verschwimmen. In diesen bildnerischen Zusammenhang stellt Rainer Zerback Lastwagen, Telegrafenmasten, Hütten – kurz Spuren menschlicher Zivilisation. Sie weisen darauf hin, dass es sich um berührte Landschaften handelt. So wichtig diese Objekte für die Bildaussage sind, so wenig stehen sie im Fokus. Kein Objekt, kein konkreter Ort ist auf diesen Fotografien bedeutsam, es geht in erster Linie um die Weite, die Unendlichkeit.
Schon als Kind, meint der in Stuttgart geborene Zerback, habe er sich nach weiten, freien Landschaften gesehnt, die den Blick nicht verstellen. Anders als die Stadtlandschaft. Fotografiegeschichtlich ordnet er seine Arbeiten zwischen der »Straight Photography« und der »New Topographics« ein. Zu seinen Vorbildern mag also der Amerikaner Edward Weston gehören, der 1932 die Gruppe f/64 gründete. Schon der Name weist auf darauf hin, worum es dabei ging: Die Schärfentiefe spielte eine große Rolle. Arbeitete man bis dahin als Fotograf, angelehnt an die Malerei, noch mit großen Schärfenunterschieden, so sollte die Objektivität des fotografischen Abbildungsprozesses in der »Straight Photography« schon dadurch zum Ausdruck kommen, dass möglichst alles mit der größtmöglichen Schärfe dargestellt wurde. Für Zerback haben die Arbeiten von Weston und van Dyke noch etwas Idealisierendes und, wie er meint, oft sogar noch etwas Pathetisches.

Und so bezieht er sich mit seiner Fotografie auch auf die »New Topographics«, die Landschaften ohne jegliche Wertung in nüchtern-sachlicher Weise zeigt. Dazu zählen vor allem Vertreter der amerikanischen Fotografie wie Lewis Baltz und Robert Adams, die 1975 in der legendären Ausstellung »New Topographics« in Rochester, New York, vertreten waren und Themen des urbanen und suburbanen Raums aufgriffen. Der Begriff »New Topographics« wurde daraufhin zu einer Art Stilbegriff. Kennzeichnend für die Arbeitsweise ist die Zurückhaltung des Autors, so dass die Intention der Fotografien häufig nicht auf den ersten Blick zu erschließen ist. Was die Werke dieser Fotografen ebenfalls ausmacht, ist die Arbeit in Serien und die Verwendung des Mediums Künstlerbuch zur Publikation der Fotografien. Gezeigt werden häufig Landschaften in einer städtischen Umgebung, die zunehmend durch menschliche Eingriffe verändert werden. Sie werden zersiedelt, in Besitz genommen, Shopping Malls und Straßen werden gebaut. Adams zeigt Szenen des Urbanen und Suburbanen – ähnlich wie Baltz – in einer sehr zurückhaltenden Schwarzweiß-Fotografie.

Zerback hält nichts davon, ein Geheimnis um seine fotografische Technik zu machen. Er hält sie nicht für die konzeptionelle Substanz eines Werkes. Offen und ohne Umschweife beschreibt er, wie seine Bilder entstehen. Sie werden analog auf niedrigempfindlichem Farbnegativfilm aufgenommen und dabei um circa eine Blende überbelichtet. Beim Vergrößern werden die Bilder so stark unterbelichtet, dass sie ihre helle, duftige Anmutung erhalten. Die farblichen Verfremdungen sind das Ergebnis von Farbfiltereinstellungen am Vergrößerer. Um trotz aller zurückgenommenen, pastellenen Farbigkeit eine farbliche Reinheit und Intensität zu erzielen, ist bei den gezeigten Bildformaten, nach Aussage Zerbacks, mindestens ein Mittelformatnegativ Voraussetzung.

Was möchte er beim Betrachter seiner Bilder auslösen? Zerback: Ich will die Menschen zum Hinsehen bewegen, was in unserer von Bildern überfluteten Zeit eine Herausforderung ist. Ich wünsche mir, dass meine Bilder vielschichtig genug sind, um Betrachtern eine Vielzahl und Vielfalt an Interpretationen und Emotionen zu ermöglichen. Seine Serie soll noch bis auf circa 40 wachsen, weil er dazu das Potenzial sieht. Mehr als 40 echte Varianten gibt es seiner Ansicht nach jedoch nicht. Sonst läuft sich das ganze in Wiederholungen tot.

Ein Vorbild nennt Rainer Zerback ganz konkret: Robert Häusser. Wie Zerback, so beschäftigt sich der seit 1952 ebenfalls in Mannheim lebende Häusser auch mit der Transformation der Landschaft durch den Menschen und mit Spuren in der Landschaft. Er arbeitete mit starken Kontrasten, woraus sich zwangsläufig seine Entscheidung für die Schwarzweiß-Fotografie ergab. Seine Arbeiten entstanden losgelöst von künstlerischen und fotografischen Strömungen der jeweiligen Zeit, auch wenn in Teilen seines Werkes oft Parallelen zur »Neuen Sachlichkeit« und der »Subjektiven Fotografie« zu finden sind. Häusser selbst formuliert: »Die kleinen stillen Dinge zogen mich an.« Häussers optische Handschrift besteht in einer Klarheit der Formen, starken Hell-Dunkel-Kontrasten und einem oft symmetrischen, immer aber klar gegliederten Bildaufbau. Seine Art zu fotografieren besteht nicht darin, etwas zu arrangieren oder eine vorgefasste Bildvorstellung zu inszenieren, sondern die Quintessenz der vorgefundenen unveränderten Realität durch den Stil der Abbildung herauszuschälen, seien es Gegenstände, Landschaften oder – relativ selten auch – Menschen. Diesem Zweck ordnet er alle fotografischen Parameter wie Blickwinkel, Lichtführung, Komposition, Bildaufteilung, Bildausschnitt, aber auch Ausbelichtung, Kontrast etc. so unübersehbar klar unter, dass hinter den fotografierten Gegenständen ein bisher unbemerktes Wesen hervorzutreten scheint. Häusser fertigt seine Abzüge immer selbst an, um auf diese Art auch während der Entwicklung und Ausbelichtung Einfluss seine Bilder zu haben. Häussers Ausgewogenheit zwischen stilistischer Kontinuität und Entwicklung sowie seine Gründlichkeit bei der Entwicklung, Umsetzung und Beurteilung seiner fotografischen Konzepte haben Zerbacks eigene Haltung zur Fotografie stark geprägt, was man an den Bildern, so meine ich, auch gut nachvollziehen kann.

Zerback nennt das hier ausgestellte Projekt »Contemplationes«. Er wählt gerne Latein als Beschreibungssprache für seine Werke. Das ist bewusst so gemacht. Nicht weil er sich gegen Anglizismen wenden will. Passend zum Charakter der »Contemplationes« will er die Sprache einer Zeit nutzen, die sich fundamental von der Rastlosigkeit unserer Zeit unterscheidet. Die dargestellten Landschaften der »Contemplationes« wirken auf den ersten Blick ästhetisch und romantisch. Bei vielen Bildern bemerkt man erst auf den zweiten Blick, dass sie nicht unberührt sind. Mit dieser ambivalenten und fremdartigen Darstellung von Wirklichkeit soll die Serie beim Betrachter ein Bewusstwerden und Nachdenken über unsere Lebensräume auslösen.

Dazu möchten wir sie, meine Damen und Herren, heute Nachmittag und in den nächsten Wochen gerne auffordern. Solange haben wir die »Contemplationes« hier zu Gast. Jetzt möchte ich mich aber erst einmal für Ihre Aufmerksamkeit ganz herzlich bedanken.

Prof. Dr. Volkhard Wolf,
2. Vorsitzender Kunstverein Neckar-Odenwald

Grußwort Achim Brötel

Laut Duden ist »Kontemplation« das konzentriert-beschauliche Nachdenken und das geistige Sichversenken in etwas. Grußworte können dabei also eigentlich nur stören. Wenn ich aber jetzt schon einmal das Wort habe – ausnahmsweise –, dann will ich Sie alle wenigstens kurz auch grüßen, ehe Sie dann wieder konzentriert-beschaulich nachdenken und sich geistig in die Werke von Rainer Zerback versenken können. Ich tue das im Namen des Neckar-Odenwald-Kreises, der ja auch Träger dieses Krankenhauses ist, der Kolleginnen und Kollegen des Kreistags, sowie der gesamten Landkreisverwaltung.

Der Kunstverein Neckar-Odenwald eröffnet mit dieser Ausstellung die neue Saison im Rahmen der Reihe »Kunst im Krankenhaus«, die damit – wenn ich es recht sehe – schon ins 14. Jahr geht, sich aber immer noch eines ungebremsten Interesses erfreut. Dass das so ist, liegt sicher auch an dem besonders attraktiven Angebot, das der Kunstverein immer wieder bietet. Insofern fügt sich diese Ausstellung nahtlos in die lange Reihe ihrer Vorgängerinnen ein.

Der Kunstverein hat dabei im übrigen auch etwas geschafft, was bisher nur Herr Dr. Hahnfeldt und sein Team in der Geburtshilfe erleben durften, nämlich dass die Menschen durchweg gut gelaunt, voller Erwartungen und fröhlich ins Krankenhaus gehen und am Ende dann womöglich auch noch traurig sind, wenn sie wieder gehen müssen. Dahinter steckt ein durchaus interessanter Marketingansatz auch für die anderen Abteilungen. Wenn wir das nämlich für alle hinbekämen, dann wäre der Fortbestand dieses Hauses zweifelsohne gesichert – in Ewigkeit. Amen.

Die »Contemplationes« bieten dabei – das ist meines Erachtens ein besonders interessanter Ansatz – nur vordergründig etwas fürs Auge. In Wirklichkeit aber, wenn ich es recht verstanden habe, sollen die fotografischen Kunstwerke aber vor allem der Einstieg in eine geistige Auseinandersetzung mit dem zu Sehenden sein – eine geistige Auseinandersetzung, bei der dem Betrachter eine Vielzahl und Vielfalt an Interpretationen und Emotionen ermöglicht wird. Das ist sicher ein spannendes Unterfangen, das sich noch dazu wohltuend von anderen abhebt, die partout eine ganz bestimmte Botschaft vermitteln wollen. Wir alle sind also richtig gefordert – und das nicht nur anschließend beim Sektempfang.

Zeitgenössische, moderne Photographie hat sich unter der Regie von Ihnen, lieber Herr Professor Wolf und liebe Frau Wolf, zu einem neuen inhaltlichen Schwerpunkt der Veranstaltungsreihe »Kunst im Krankenhaus« entwickelt. Eigentlich meint man ja, das menschliche Auge sei unbestechlich. Was im Foto festgehalten ist, gibt die Wirklichkeit wieder. Da ist auch durchaus etwas dran.

Diese Ausstellung hier zeigt uns aber eindrucksvoll, dass Fotos doch noch mehr können als einfach nur die Realität reproduzieren. »Zu Bildern geronnene stille Betrachtungen« – so hat der Künstler selbst seine Werke charakterisiert. Für jemand, der wie ich fotografisch absoluter Laie ist, ist das besonders reizvoll. Deshalb bin ich auch – sicher mit Ihnen allen gemeinsam – sehr gespannt, jetzt gleich noch mehr hierzu zu erfahren.

Wenn ich für mich eine Deutung versuchen würde, dann erginge es mir im Zweifel allenfalls so, wie es in jenem alten jüdischen Sprichwort heißt, das den meisten Politikern offensichtlich wie auf den Leib geschnitten ist: »So mancher spricht wie der Blinde vom Licht«. Ich will es deshalb auch gar nicht erst versuchen.

Es ist mir statt dessen aber ein Bedürfnis, dem Kunstverein Neckar-Odenwald ein herzliches Wort des Dankes dafür zu sagen, dass Sie uns diese außergewöhnliche Veranstaltung hier und damit verbunden die gesamte Veranstaltungsreihe »Kunst im Krankenhaus« auch weiterhin ermöglichen. Namentlich will ich insofern Sie, lieber Herr Zeh, aber natürlich seit geraumer Zeit auch Frau und Herrn Wolf besonders hervorheben.

In gleicher Weise danke ich den Verantwortlichen unseres Kreiskrankenhaus, allen voran Herrn Verwaltungsleiter Straub, für ihre stete Unterstützung. Das öffentliche Gesundheitswesen ist ja heute auch eine Kunst für sich, bei der Kontemplation in jeder Beziehung gefragt ist.

Wir sind im übrigen, wie Sie natürlich wissen, im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Das hat mich seit einiger Zeit dazu inspiriert, bei der inhaltlichen Vorbereitung von Veranstaltungen bestimmte geistige Anleihen dort, also in der Welt des Fußballs, zu suchen. In bescheidenem Maße kann das vereinzelt auch gelingen. Für heute bin ich jedenfalls bei Berti Vogts fündig geworden, der mit der ihm eigenen besonderen Sprachbegabung einmal in einem Interview formuliert hat: »Kompliment an meine Mannschaft und meinen Dank an die Mediziner. Sie haben Unmenschliches geleistet«. Das unterscheidet uns in den Neckar-Odenwald-Kliniken dann aber ganz sicher von anderen: Wir leisten nämlich stattdessen das Menschenmögliche – und manchmal sogar noch mehr – und bieten als vergütungsfreie Zusatzleistung auch noch »Kunst im Krankenhaus«. Wenn das nicht zur Heilung führt, dann weiß ich auch nicht …

Ich wünsche uns allen jedoch jetzt in erster Linie interessante Begegnungen mit den Werken von Rainer Zerback, aber auch – das gehört bei einer solchen Vernissage ja genauso dazu – viele schöne menschliche Begegnungen untereinander.

Vielen Dank für Ihre geduldige Aufmerksamkeit.

Dr. Achim Brötel,
Landrat Neckar-Odenwald-Kreis

Rezension »Rhein-Neckar-Zeitung«

Der Sog unwirklicher Landschaften

Ausstellung »Contemplationes« des Fotografen Rainer Zerback im Kreiskrankenhaus Buchen eröffnet

Von Mario Nitschmann

Kunst im Kreiskrankenhaus Buchen gehört schon seit langem zu einer festen Größe im Kulturgeschehen der Stadt Buchen. Ein ganz besonderes Konzept wird dabei angewendet: Die Kunst kommt zu den Menschen und nicht umgekehrt. Gerade im Krankenhaus, wo hunderte Menschen Tag für Tag durch die Gänge eilen, bieten Bilder Abwechslung und Ruhe zugleich.

Bei der Ausstellungseröffnung der Reihe »Contemplationes« von Rainer Zerback am Sonntagnachmittag im Kreiskrankenhaus Buchen wurde gerade die für seine Bilder typische Nachdenklichkeit und Ruhe in den Vordergrund gehoben. »Contemplationes«, so der Titel von Zerbacks Zyklus, bedeutet laut Duden das konzentriert-beschauliche Nachdenken und das geistige Sichversenken in etwas. Zu sehen sind Fotografien, die durch gezielte Überbelichtung ein Objekt in Pastellfarben hervorbringen. Zerback wählt dabei hauptsächlich unwirtliche oder auf den ersten Blick von Menschen verlassene Landschaften in Nordafrika, Spanien und an der Nordseeküste aus.

»Schon als Kind haben mich vom Menschen gestaltete Landschaften fasziniert«, sagt Zerback, »und ich habe mich immer nach weiten, freien Landschaften gesehnt, die, anders als die Stadtlandschaft, den Blick nicht verstellen«.

Ein wahrer Sog geht von diesen unwirklichen, verschwimmenden Pastelllandschaften aus. Das flüchtige Hinschauen ist hierbei unmöglich. Oftmals wird etwas erst beim vierten oder fünften Blick offensichtlich.

Professor Dr. Volkhard Wolf führte in die Ausstellung ein und zeigte die wesentlichen Merkmale von Rainer Zerbacks Kunst auf. Es geht darum, so Professor Wolf, einfache archaische Landschaften zu erfassen. Motive, bei denen Vordergrund, Hintergrund und der Himmel nicht selten zu einem Ganzen verschwimmen. In diesem bildnerischen Zusammenhang stellt Rainer Zerback Lastwagen, Telegrafenmasten, Hütten und andere Spuren der menschlichen Zivilisation dar. Fotografiegeschichlich ordnet Zerback seine Arbeiten zwischen der »Straight Photography« und der »New Topographics« ein. Zu seinen Vorbildern gehören der Amerikaner Edward Weston und der in Mannheim lebende Robert Häusser.

Zerback hält, so Professor Wolf, nichts davon, ein Geheimnis um seine fotografische Technik zu machen. Er hält sie nicht für die konzeptionelle Substanz eines Werkes. Offen und ohne Umschweife beschreibt er, wie seine Bilder entstehen. Sie werden analog auf niedrigempfindlichem Farbnegativ aufgenommen und dabei um circa eine Blende überbelichtet. Beim Vergrößern werden die Bilder so stark unterbelichtet, dass sie ihre helle, duftige Anmutung erhalten. Die farbliche Verfremdung ist das Ergebnis von Farbfiltereinstellungen am Vergrößerer. Um trotz aller zurückgenommenen, pastellenen Farbigkeit eine farbliche Reinheit und Intensität zu erzielen, ist bei den gezeigten Bildformaten, nach Aussagen Zerbacks, mindestens ein Mittelformatnegativ Voraussetzung.

Passend zum Charakter der »Contemplationes« will der Künstler die Sprache einer Zeit nutzen, die sich fundamental von der Rastlosigkeit unserer Zeit unterscheidet. Die dargestellten Landschaften wirken auf den ersten Blick ästhetisch und romantisch. Bei vielen Bildern bemerkt man erst auf den zweiten Blick, dass sie nicht unberührt sind. Mit dieser ambivalenten und fremdartigen Darstellung von Wirklichkeit soll die Serie beim Betrachter ein Bewusstwerden und Nachdenken über unsere Lebensräume auslösen.

Als Hausherr überbrachte auch Landrat Dr. Achim Brötel beste Wünsche für eine erfolgreiche Ausstellung, die noch bis zum 14. Mai zu sehen ist. Die »Contemplationes« bieten, so Dr. Brötel, einen besonders interessanten Ansatz – nur vordergründig etwas fürs Auge. In Wirklichkeit aber sollen die fotografischen Kunstwerke vor allem der Einstieg in eine geistige Auseinandersetzung mit dem zu Sehenden sein – eine geistige Auseinandersetzung, die dem Betrachter eine Vielzahl und Vielfalt an Interpretationen und Emotionen ermöglichen wird. Das ist sicher, schloss Landrat Dr. Achim Brötel, ein spannendes Unterfangen, das sich noch dazu wohltuend von anderen abhebt, die partout eine ganz bestimmte Botschaft vermitteln wollen.

Für die Stadt Buchen überbrachte der Beigeordnete der Stadt Dr. Wolfgang Hauck die besten Grüße und beglückwünschte den Kulturverein Neckar-Odenwald, dass er es immer schafft, solch hochkarätige Künstler für seine Ausstellung zu gewinnen.

Dr. Hahnfeldt, Chefarzt der Gynäkologie, freute sich, dass wieder einmal das Kreiskrankenhaus durch die Arbeiten eines sehr bekannten Fotografen aufgewertet wird. Die Bilderreihe lädt zum Verweilen und Sichversenken ein.

Rhein-Neckar-Zeitung, Nr. 62, 15.03.2006, S. 11

Rezension »Fränkische Zeitung«

Fotos üben große Anziehungskraft aus

Rainer Zerback stellt im Kreiskrankenhaus in Buchen aus / Veranstaltung des Kunstvereins  

Von Karin Erbacher

Wer kräftige bunte Farben und provozierende Bilder, die dem Betrachter ihre Botschaft entgegen schreien, liebt und erwartet – der ist hier falsch: Die neue Ausstellung des Kunstvereins Neckar-Odenwald im Kreiskrankenhaus Buchen schlägt andere Töne an. Rund 20 Werke des international bekannten Fotografen Rainer Zerback bereichern seit Sonntag im Rahmen der Aktionsreihe »Kunst im Krankenhaus« den Buchener Teil der Neckar-Odenwald-Kliniken. In zarte verschleierte Pastellfarben hat der Fotokünstler seine Bilder der Serie »Contemplationes« getaucht.

Nahezu wie von Nebel eingehüllt wirken die weiten, ursprünglichen Landschaften. Leise und ruhig laden Rainer Zerbacks Fotografien den Betrachter zum Verweilen ein und zwingen ihn doch still und heimlich dazu. Denn die Küstenabschnitte, das Kornfeld, das Wasser des Sees oder der Sand des andalusischen Badestrandes verschwimmen nicht aufgrund der abgeschwächten Farben. Die Bilder behalten ihre Schärfe und gewinnen eine Anziehungskraft, die den mittlerweile aufmerksam gewordenen Blick lenkt. Durch diesen sanften Sog quasi selbst inmitten der archaischen Landschaften stehend, kann der Betrachter wertungsfrei die Spuren der Zivilisation wie Strommasten, ein Autowrack, Baracken, Tiere und selten auch Menschen entdecken.

»Schon als Kind haben mich vom Menschen gestaltete Landschaften fasziniert und ich habe mich immer nach weiten, freien Landschaften gesehnt, die – anders als die Stadtlandschaft – den Blick nicht verstellen. Seit den 70er Jahren habe ich das Wechselspiel Mensch – Natur sehr bewusst als gesellschaftliches Thema erlebt. Die Serie ›Contemplationes‹ soll mit der ambivalenten und fremdartigen Darstellung beim Betrachter ein Bewusstwerden und Nachdenken über unsere Lebensräume auslösen«, erläutert Rainer Zerback in einem Interview mit der stellvertretenden Vorsitzenden des Kunstvereins Neckar-Odenwald, Evemie Wolf.

Rainer Zerback beschäftigt sich seit 1989 mit Fotografie und wurde unter anderem 2002 durch einen Fernsehbericht im SWR 3 Kultur-Café bekannt. 1999 gewann Rainer Zerback den Wettbewerb »Menschen in Deutschland«. Der in Stuttgart geborene und in Mannheim lebende Künstler stellte bereits in Berlin, Heidelberg, Jena, Bray-sur-Seine (Frankreich) und Zhenjiang (China) aus. An der Serie »Contemplationes« arbeitet Rainer Zerback seit 1999. Die »Unvollendete« mit dem aus dem Lateinischen entnommenen Namen soll auf rund 40 Werke anwachsen.

Zur Vernissage begrüßte die Kuratorin der Fotoausstellung, Evemie Wolf, am Sonntagnachmittag neben dem Künstler zahlreiche Interessierte im Kreiskrankenhaus (KKH) Buchen. Der »für Gynäkologie und Kunst zuständige« Chefarzt Dr. Klaus Hahnfeldt machte die Vernissagebesucher darauf aufmerksam, dass Rainer Zerback bewusst den einzelnen Werken keine Titel gegeben habe.

Landrat Dr. Achim Brötel hatte für sein Grußwort zunächst im Duden die Bedeutung des Wortes »Kontemplation« erforscht: »Das konzentriert-beschauliche Nachdenken und das geistige Sich-Versenken in etwas«. Die zeitgenössische, moderne Fotografie habe sich unter der Regie von Professor Dr. Volkhard Wolf und Evemie Wolf zum neuen inhaltlichen Schwerpunkt der ins 14. Jahr gehenden Veranstaltungsreihe »Kunst im Krankenhaus« entwickelt. Rainer Zerbacks »Contemplationes« böten nur vordergründig etwas fürs Auge. In der geistigen Auseinandersetzung mit dem Gesehenen ermöglichten sie eine Vielfalt an Interpretationen und Emotionen, ohne partout eine bestimmte Botschaft vermitteln zu wollen. »Zu Bildern gewordene stille Betrachtungen« charakterisierte Brötel in Zerbacks Worten dessen Werke.

Professor Dr. Volkhard Wolf präsentierte im Anschluss umfang- und aufschlussreiche Details zu Rainer Zerback und seiner Serie »Contemplationes«. Fotografiegeschichtlich ordne der Künstler seine Arbeiten zwischen der »Straight Photography« (alles mit der größtmöglichsten Schärfe darstellen) und der Stilrichtung »New Topographics« (Landschaften ohne jegliche Wertung nüchtern und sachlich zeigen) ein. Zu Zerbacks Vorbildern zählten somit Edward Weston, Lewis Baltz und Robert Adams. Insbesondere der ebenfalls in Mannheim lebende Robert Häusser, der sich mittels Schwarzweiß-Fotographie mit der Transformation der Landschaft durch den Menschen auseinander setzt, hätten Zerbacks Haltung zur Fotographie stark geprägt.
Da Rainer Zerback nichts davon hält, ein Geheimnis um seine fotografischen Techniken zu machen, konnte Wolf über das analoge Aufnehmen der Bilder mit niedrigempfindlichen Farbnegativfilmen bei einer Blende Überbelichtung und die anschließende Vergrößerung bei starker Unterbelichtung und Farbfiltereinsatz berichten.

»Ich will in unserer rastlosen, von Bildern überfluteten Zeit, die Menschen für einige Sekunden zum Hinsehen bewegen«, formuliert Rainer Zerback klar das Ziel seiner Arbeit.

Für die Ausstellung seiner Werke in Buchen und »Fachgespräche« mit Vernissagebesuchern nahm sich der zurückhaltende und gleichzeitig charismatische Künstler viel Zeit.

Fränkische Nachrichten, Nr. 62, 15.03.2006, S. 17