Fotografie • Fotojournalismus

Contemplationes

Ausstellung im Kunst- und Kulturverein, Großkarlbach/Pfalz

16.11.2003 bis 11.1.2004

Einführung Werner Marx

Auf der Suche nach der Faszination der Fotografie unterscheidet Roland Barthes in seinem Buch »Die helle Kammer« zwei Größen, die den Betrachter betreffen: Das »studium« und das »punctum«. Das »studium« ist eine Art mittlerer Hingabe an ein fotografiertes Bild, an seinen Informationsgehalt, an seine Veranschaulichung einer bestimmten Situation. Ich lese in einem Bild mittels eines Codes, den ich beherrsche. Das »punctum« hingegen ist das, was dem Code entkommt. Das, was wie fremd aus dem Bild hervorsticht, mich trifft, unerwartet trifft. Es sorgt für Unruhe und Aufregung. Eben weil es dem Code entkommt, kann man seiner Wirkung sprachlich nicht gerecht werden. »Beispiele für das punctum anzuführen, bedeutet daher, in einer gewissen Weise sich preiszugeben.« Das heißt: Man muß sich eingestehen, daß das, was einen persönlich an einer Fotografie fasziniert, sich nicht verallgemeinern läßt. Lassen Sie mich im folgenden trotzdem versuchen, das »punctum« von Rainer Zerbacks fotografischen Arbeiten zu bestimmen. Soviel vorweg: Es ist nicht die Landschaft, die fasziniert, sondern es sind die Fotografien einer Landschaft, die faszinieren.


Landschaft, das ist historisch-ästhetisch konstruierte Natur, in der die geographischen Besonderheiten einer Gegend zusammen mit den kulturellen Leistungen ihrer Bewohner anschaubar werden. Mit Simon Schama kann man sogar sagen, daß Landschaft in erster Linie ein Werk des Geistes, des kulturellen Gedächtnisses sei. Damit ist der Bogen von der Kultur zur Natur gespannt – das Bindeglied heißt Landschaft. Das Motiv der Landschaft bestimmt auch das Œuvre von Rainer Zerback. Sein Blick ist an den Naturdarstellungen der Kunstgeschichte ebenso geschult wie an der dokumentarischen Sehweise des Fotoapparats. Im Werk sind beide Elemente vereinigt. Auf der einen Seite benutzt er das Medium der Fotografie, der realistischsten, »objektivsten« Gattung der Kunst, ohne Manipulationen oder Verfremdungen vorzunehmen. Auf der anderen Seite sind seine Bilder im Kopf vorkonstruiert, d. h. bereits geprägt und reflektiert. Er sucht nach dem Bild für eine bestimmte Situation oder Realität.

Für eine solche Ästhetik gilt: Nur im Abstand, im Überblick ist das Phänomen Landschaft erkennbar. So ist Zerback ein Fotograf, dessen Kompositionen in besonderem Maße von einer Groß- und Kleinstruktur leben. Die Distanz, aus der er die Motive aufnimmt, gibt dem betrachtenden Auge zunächst eine ordnende Übersicht, um dann die genau gesehenen Details, wie die Getreidehalme oder die Spiegelung des Wassers, die im Vordergrund stets eine ruhige Zone im Bild beschreiben, zu ermöglichen. Dies setzt nicht nur eine hohe technische Qualität und eine souveräne Beherrschung der fotografischen Technik voraus, sondern auch einen geschulten Blick und sensibles Gespür für die Bildanlage. Alle Fotografien stehen durch eine solche Makro- und Mikrostruktur sowohl in Bezug auf die Komposition als auch im Verhältnis zur Oberfläche in einer bestimmten Beziehung zum Licht. Zerbacks Fotografien zeigen immer lichterfüllte Lufträume. Berücksichtigt man die Abwesenheit des Menschen in den Bildern und die Zurückweisung eines in ihm zentrierten Bedeutungsnetzes, so überrascht es nicht, zu erkennen, daß das natürliche Licht das eigentliche visuelle Energiepotential ist. Das betrifft auch die besondere Dynamisierung der Lichtgestaltung, bei deren Wirkung es nicht um die Dramatik von Kontrasten, sondern um eine Vereinheitlichung des Farbklangs geht. In Zerbacks Fotos scheint ein Licht die gesamten Bildräume zu durchwirken; es entsteht nicht nur eine besondere Stimmung. sondern die Bilder wirken insgesamt ausgesprochen malerisch, so daß man sich an die Gemälde Corots erinnert fühlt, von denen es heißt, die Gegenstände seien wie »in Perlmutt getaucht«, »versinken in einem Kokon von Zeitlosigkeit« oder »verlieren sich im Licht«.

Beides – ein Minimum und ein Maximum an Licht – verkürzt und vernichtet die Plastizität und schließlich auch den dreidimensionalen Raum, der sich dafür in einen Stimmungsraum verwandelt. Dies ist vor allem bei zahlreichen Fotografien zu bemerken, auf denen Gegenstände, die in verschiedenen Bildebenen liegen, ineinander übergehen und sich in ihrer Stofflichkeit nicht mehr differenzieren, sondern zu größeren Einheiten verschmelzen. Dadurch schieben sich Vorder-, Mittel- und Hintergrund zusammen, und statt eines gestaffelten Tiefenraums ergibt sich ein einheitlicher, flacher Bildeindruck. Die klar gezeichneten Umrisse und stofflichen Profile der Sujets verschwinden, ohne daß deshalb Farbe oder Fraktur an Eigenwert gewinnen. Man hat den Eindruck, daß Zerback die Konturen, die dem Augenschein nach die Gegenstände voneinander abgrenzen, in Wirklichkeit ohnehin nicht für existent hält. Dadurch, daß die Linie als Grenzsetzung entwertet wird, tauscht er Plastizität gegen Stimmung, die Illusion von Stofflichkeit gegen atmosphärischen Raum. Daher sind ihm die fein nuancierten Farbvaleurs von größter Bedeutung, die im Labor nach rein ästhetischen Kriterien nachgebessert werden können. Interessanterweise verlieren bei diesen Farbmanipulationen die Gegenstände nicht an Detailgenauigkeit und Präzision. Bei der Anlage dieses atmosphärischen Raums bevorzugt Zerback geometrische Achsen, nicht unähnlich der amerikanischen abstrakten Expressionisten, die ja eigentlich Mystiker waren. Diese Geometrie aus parallelen Strommasten, Ästen, Verkehrszeichen oder Wegen schafft vorderhand Ordnung, lotet die Welt aus, doch nur um ihre Ungestalt anzuzeigen. Denn viel intensiver als bei anderen aufbereiteten Sujets sucht man nach Spuren der Menschen, die hier arbeiten und leben. Die Distanz der menschenleeren Räume schafft so eine paradoxe Nähe zu den Menschen, die hier waren oder sein werden. Zerback arbeitet wie ein Detektiv, der mehr an die Aussagekraft der Spuren glaubt als an das Verhör der Personen. Auch das ist eine Strategie, den Menschen zu zeigen: indem man ihn nicht zeigt, sondern nur das Umfeld, in dem er seine Spuren hinterlassen hat.

Der Blick des Betrachters kann daher auf dem Foto ruhen, wird nicht von einzelnen Sujets gereizt und auch nicht durch mehrere Ebenen nach und nach in die Tiefe (oder zurück in den Vordergrund) geführt. Auf solch einem Bild gibt es nichts zu fixieren, der Blick bleibt ungerichtet – und entspricht damit jenem weiten, gelassenen Blick in die Ferne, der alles und nichts umschließt. Er kann sogar so sehr von jeglichem gezielten Anschauen gelöst sein, daß er sich ebenso nach innen wie nach außen wendet. Dann erst ist auch der Stimmungsraum voll ausgebildet, der äußere Atmosphäre und inneres Empfinden in Korrespondenz zueinander bringt. Sich in einem Bild wiederzufinden und eins zu werden mit der Umwelt – diese Sehnsucht des sonst sich entfremdet fühlenden Menschen ist wenigstens für einen Moment erfüllt. Das Äußere wird entsprechend dankbar als Spiegel des eigenen Ich erfahren, doch da sich nur matt ein konturloses Bild darauf zeigt, ist dieser Spiegel zugleich – und vielleicht noch mehr – Projektionsfläche.

Der Schweizer Maler Michael Bieberstein spricht in diesem Kontext von der »Apotheose« des menschlichen Geistes im Sehen der Landschaft und vom »wandernden Auge«: »Das Auge wandert in der Landschaft mit total entspanntem Blick, fixiert nirgends lange, die Peripherie des Blickfeldes ist ebenso präsent wie das Zentrum. Für einen Moment fallen das Ich und jenes, welches aufgenommen wird, zusammen.« So gesehen sind Zerbacks Contemplationes nicht bloßes Abbild einer real gesehenen Landschaft, sondern Bild, »malerisches« Bild. Fotografie wird malerisch, wo die scheinbare Unmittelbarkeit des Wahrgenommenen, wo der Wahrnehmungsglaube an die Fotografie als Wiedergabe von Realität durch verschiedene Praktiken, die alle in einem weiten Sinne »malerisch« sind, erschüttert wird: das betrifft vor allem all die Verfahren des Flachwerdens der Fotografie im Blick, das Phänomen des Umschlagens von illusionären Raumwirkungen in die Phänomenalität der Fläche, der Formen und der Farben. In dem Maße, wie Fotografie flach wird, visuell in Flächen und Flächenordnungen umschlägt, die als Analoga zu malerischen Flächen verstanden werden können, scheint sie pikturalistischen Kriterien zu gehorchen. Solches Umschlagen beruht entweder auf gezielt eingesetztem Unscharfwerden, auf groß gezoomten Pixeln, Verwischungen, pastellartigem Verblassen, Überbelichtung und Grobkörnigkeit, oder auf dem Entstehen von weißen oder schwarzen Flächen durch Über- oder Unterbelichtung, oder auf der fotografischen Abbildung von Flächen und Flächenordnungen, wie solches besonders Landschaften (und spezifisch schon geometrisch gestaltete Kulturlandschaften) anbieten. Die Vielfältigkeit der Intentionen von Zerbacks Fotos nähert sich damit der Sichtweise von W. J. T. Mitchell an, der Landschaft nicht als ästhetische Gattung oder Ort verstanden wissen will, sondern als Deutungsmodell, das nicht danach fragt, was Landschaft ist oder bedeutet, sondern was sie macht, wie sie als Kulturpraxis funktioniert. Um die Leerstellen in der Welt zu finden, die er mit seinen Bildern einrahmen will, benützt Zerback das Medium dazu, um es mit seinen eigenen Mitteln zu etwas zu transformieren, indem keine eindeutige Klärung des Bild- und Realitätsstatus des Gezeigten mehr möglich ist. Seine Fotografie hat nicht nur ihre wirklichkeitsmanipulierenden Aspekte erkannt und akzeptiert, sondern stellt die Vorführung und Kenntlichmachung ihres illusionären, scheinhaften Potentials offensiv in den Mittelpunkt seiner Bemühungen. Die Methode der Konstruktion erzeugt dabei eben nicht Bilder, die ausschließlich von ihrer Konstruiertheit reden, sondern ein seltsam schillerndes Equilibrium aus verführerischem suggestiv entwickeltem Bildzauber und seiner kühl analytischen Zerlegung.

»Ein neues Medium kommt erst dann zur Erfüllung, wenn es ein altes Medium entdeckt und das, was in ihm steckt, neu definiert.« (Bazon Brock)

Werner Marx,
Kunsthalle Mannheim

Rezension »Die Rheinpfalz«

Kontemplative Ruhe unter Telegrafenmasten

Rainer Zerback zeigt Fotografien im Kulturverein Großkarlbach – Landschaftsmalerei mit dem Medium Fotografie neu definiert

Schon der Titel der Werkreihe nimmt einen wesentlichen Aspekt der Aussage vorweg: »Contemplationes« ist Motto und Leitgedanke jener Arbeiten des Mannheimer Fotokünstlers Rainer Zerback, die seit Sonntag in den Räumen des Sieben Mühlen Kunst- und Kulturvereins in Großkarlbach zu sehen sind. Tatsächlich sind die hier gezeigten Fotografien als Einladung zu verstehen, sich einen Moment der Ruhe zu gönnen, sich Zeit zu nehmen zur Kontemplation, zum Nachdenken über das Dargestellte.

Gewiss ist dies ein allem künstlerischen Schaffen mehr oder weniger immanenter Aspekt, doch Zerbacks Bilder brechen mit diesem Wesenszug in mehrfacher Hinsicht: Zu sehen sind auf seinen Fotografien stets Landschaften, die jedoch keine unberührte, archaische Natur mehr abbilden, sondern sie als von Menschenhand in Besitz genommene und damit zum Kultur-Raum gewordene Umgebung entlarven. Auch wenn im Zentrum der Fotografien stets großflächig die Natur dominiert, wird der Eindruck des romantischen locus amoenus stets durchbrochen von Zeugnissen menschlichen Seins: Telegrafenmasten, profane und sakrale Architektur, stehende oder in Bewegung festgehaltene Fahrzeuge sind hier zu statischen Bildelementen geworden, die die eigentliche Ruhe der reinen Landschaft zu stören scheinen.
Zerback zeigt and charakterisiert den Menschen gerade dadurch so treffend, dass er ihn nicht zeigt. Dies unterstützt noch der Anspruch auf allgemeine Gültigkeit, indem die konkrete Zuordnung der Landschaften zu einem wiedererkennbaren, kulturell eindeutig identifizierbaren Raum verweigert wird. Schließlich tragen die Fotografien auch keine erklärenden, Rückschlüsse auf den Entstehungsort erlaubenden Bildtitel, sondern sind lediglich in römischen Ziffern fortlaufend nummeriert.

Unterstrichen wird diese Mehrdeutigkeit in der Motivik durch die Art und Weise, wie Zerback das Abgebildete verfremdet. Die Fotografien des gebürtigen Stuttgarters sind durchgehend in zarten Pastellfarben gehalten.

Diese subtil eingesetzten Farbverfälschungen unterstreichen die ruhige, meditative Grundstimmung der Bilder, irritieren jedoch zugleich das Auge, indem sie für eine Auflösung der Kontraste sorgen. Landschaftselemente wie Seen, Gebirgszüge oder Felder werden zu geometrischen Farbflächen, der Tiefenraum generell seiner Dreidimensionalität enthoben. Durch diese Geometrisierung der Motivik fühlt sich der Betrachter an Vertreter des abstrakten Expressionismus amerikanischer Prägung erinnert.

Zerback, der sich seit 1989 intensiv mit Fotografie auseinander setzt, gelingt es in der überaus sehenswerten Ausstellung, das klassische Medium Landschaftsmalerei durch das Medium Fotografie zu erweitern, wenn nicht gar neu zu definieren.
Musikalisch umrahmt wurde die Ausstellungseröffnung am Sonntag durch Ute Walther an der Harfe, deren sphärische Klänge die nachdenklich-meditative Grundstimmung der ausgestellten Werke Rainer Zerbacks treffend zu unterstützen wusste. Am 7. Dezember wird der Künstler nochmals in Großkarlbach sein. (zwi - Andreas Zwingmann)

Die Rheinpfalz, 20.11.2003, Kultur Regional