Fotografie • Fotojournalismus

Contemplationes

Ausstellung in der Fotowerkstatt und Galerie Norbert Nieser, Stuttgart

9.3. bis 23.4.2002

Einführung Monika Jagfeld

Contemplationes nennt Rainer Zerback seine Fotoserie, deren Ausstellungseröffnung wir heute Abend feiern. Mit dem Begriff »Kontemplation« verbinden sich Synonyme wie Vertiefung, Versenkung und - innere - Einkehr.

In der Ästhetik bedeutet Kontemplation auch das »rein betrachtende Verhalten«. Die Position des Betrachtens spielt eine bedeutende Rolle sowohl beim Bildbetrachter (bei uns, dem Publikum) als auch beim Gestalter des Bildes – hier also das betrachtende Verhalten des Fotografen Rainer Zerback.

Mit seinen Arbeiten zeigt uns Rainer Zerback, dass er Fotografie nicht als Medium einer scheinbar objektiven Wirklichkeit versteht, sondern dass er eine spezifische Atmosphäre der Betrachtung vermitteln möchte. Seine Fotografien geben nicht einen unmittelbaren Moment des Erlebens wieder, vielmehr sind sie wohlüberlegte, ausgereifte Bildkompositionen.

So wirkt zum Beispiel die in Gelb- und Rottönen gehaltene Landschaft mit der kleinen Kirche am Strand vor einem zartblauen Himmel eher wie ein lockeres Aquarell denn wie eine Fotografie.

In der Reihe Contemplationes fotografiert Rainer Zerback überwiegend endlose, menschenleere Landschaften. Jedoch ist der Mensch allgegenwärtig durch urbane Relikte, die er in der Landschaft hinterlässt: Seien es nun Straßenschilder, Telegrafenmaste oder ein Autowrack, das im Wasser liegt. Diese Relikte der Zivilisation werden zu einem memento mori, sie bilden ein Zeichen der Vergänglichkeit.

So zeichnet sich die einsame Hütte in der weiten, leeren Wüstenlandschaft durch eine Aufschrift als »Aeroclub« geradezu karikierend aus.

Rainer Zerback will mit seinen Arbeiten keine Sozialkritik äußern. Im Gegenteil, der leicht morbide Charakter der Bilder besitzt eine ganz eigene Ästhetik. Man spürt, diese unbelebten Landschaften werden die Menschheit überdauern. Die Zivilisationsrelikte werden im Laufe der Zeit still von der Natur überwuchert und von ihr aufgenommen. Ein verrostetes Eisengestänge und ein Autoskelett in der Landschaft erscheinen somit weniger trostlos; sie zeigen uns lediglich ein Stadium dieser Transformation, den Verfall in einzelne Partikel, die schließlich von der Natur absorbiert werden.

Transformation drückt Rainer Zerback nicht nur durch die sensible Auswahl seiner Bildmotive aus. Transformation wird vor allem auch durch die gewählte Farbigkeit seiner Bilder deutlich.

Naturalismus, Farbrichtigkeit ist nicht gewünscht. Rainer Zerback vollzieht während des fotografischen Arbeitsprozesses eine bewusste Farbverfremdung. Im Labor filtert er die natürlichen Farben aus dem Bild heraus und verschiebt die Farbigkeit in Richtung Magenta-Rot, Cyan-Blau oder Gelb.

Der durch die Farbverschiebung entstandene surreale Charakter wird zugleich durch eine stark reduzierte Farbigkeit unterstützt - also der Konzentration auf wenige oder sogar nur eine Farbe -‚ kombiniert mit einer extremen Aufhellung. Die bildimmanente Aufhellung der jeweiligen Farben bis hin zum Weiß, lässt die Landschaften sich in ein Nichts auflösen. Einzelne Motive, wie der durch den nassen Sand fahrende Lkw scheinen aus dem Nichts aufzutauchen bzw. vom Licht verschluckt zu werden. Es entsteht eine unklare, traumartige Situation. Auch der Raum ist kaum identifizierbar. Nur eine kleine Spiegelfläche des Wassers, rund um den Lkw, macht eine Orientierung möglich, sich in einer Landschaft - hier eines Salzsees - zu befinden.

Zu einer Irritation der Raumsituation führt auch der sehr weite Blick auf den fernen Horizont. Im Grunde beginnt die Räumlichkeit erst dort.

Nehmen wir zum Beispiel die Landschaft des Salzsees mit den sichtbaren Fußspuren im Sand: Der weite Raum bis zur Horizontlinie ist räumlich kaum noch wahrnehmbar. Immer wieder klappt die graue, strukturierte Farbfläche nach vorne herunter und macht uns orientierungslos. Erst mit der Wahrnehmung eines Fahrzeugs, einer Lagerhalle und schemenhafter Berge, winzig klein am Horizont zu erkennen, kann sich der Bildbetrachter wieder vor einer Landschaft positionieren.

Kaum merkliche Irritationen der Wirklichkeit setzt Rainer Zerback durch gezielte Farbakzente. Bei der Imagination eines Kornfeldes stellen wir uns ein kräftiges, warmes Gelb vor. Betrachten wir die Darstellung des Kornfeldes bei Rainer Zerback, so stellen wir fest, dass unser Wunsch-Bild mit seinem Bild nicht übereinstimmt. Bei Rainer Zerback erscheint das Kornfeld in einem fahlen, kühlen Gelb. Starke Farbkontraste finden sich dagegen im kräftigen Grün der Bäume und im leuchtenden, magentaroten Dach der Scheune. Diese gegenüber der Grundfarbe kräftig wirkenden Farbtöne akzentuieren die geometrische Form des Daches und der Bäume, die sich wie aufgesetzte Bausteine vom Bildgrund abheben. Komplementäre Farbkontraste, wie zum Beispiel die nach Magenta verschobene Farbigkeit des Hotels »Don Ignacio« gegenüber jenem kräftigen Grün der Grasbüschel im Bildvordergrund, der Palme wie auch im Schriftzug, verstärken die Farbwirkung.

Die Zartheit seiner Bilder erzielt Rainer Zerback durch das Fotografieren mit einer Mittelformatkamera und der Verwendung eines Farbnegativs. Er erreicht damit eine feine Bildauflösung und einen Reichtum an Tonwerten, also an Farbnuancen, die solch weiche Farbübergänge erzeugen. (Im Gegensatz zum Dia, sagt Rainer Zerback, das 6 bis 7 Blenden zulässt, sind beim Farbnegativ 10 bis 11 Blenden möglich.) Folgerichtig plant Rainer Zerback, künftig mit der Großformatkamera zu arbeiten, die eine noch höhere Präzision und Tiefenschärfe zulässt.

Damit die feine Abstufung der Farbkontraste zur vollen Entfaltung kommt, dürfen die Kontraste des realen Bildmotivs nicht zu hoch sein. Vor allem darf sich nichts Dunkles im Bild befinden und die Kontraste dürfen nicht unruhig wirken.

Rainer Zerback ist nicht auf Effekt aus. Aber er nutzt die technischen Möglichkeiten der Fotografie und das Mittel der Verfremdung zur Erfüllung seines Konzeptes – nämlich der subjektiven Interpretation der Landschaft. Da er sich technisch nicht einschränken möchte, ist für ihn durchaus auch eine digitale Bildbearbeitung der Fotografien möglich, zum Beispiel bei seiner begonnenen Serie Geopolis.

Die heute ausgestellte Fotoserie Contemplationes fordert in der Tat zur Kontemplation auf. Die Arbeiten von Rainer Zerback machen das »betrachtende Verhalten« des Fotografen sowie des Bildbetrachters deutlich.

Darüber hinaus laden die Bilder zur Versenkung ein. Die statische Komposition, in der horizontale und vertikale Linien überwiegen, strahlt Ruhe aus. Die zarte, helle Farbigkeit formuliert die Flüchtigkeit des Eindrucks, des sich auflösenden Moments. Bildverfremdung und Irritation lassen eine eindeutige Interpretation offen und regen die Fantasie des Betrachters an.

Rainer Zerback stößt ein Bild an, aber erst in der eigenen, inneren Einkehr der Kontemplation vollendet sich das Bild.

Monika Jagfeld,
Sammlung Prinzhorn Heidelberg