Fotografie

The World Without Us

Ausstellung in der Städtischen Galerie Eichenmüllerhaus Lemgo

01.03. bis 15.03.2026, 22.03. bis 26.04.2026, 10.05. bis 05.07.2026

Rundgang

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Einführung Laura Rehme

Rainer Zerback, geboren 1958 in Stuttgart, gehört zu denjenigen Künstler*innen, die das scheinbar Bekannte wiederholen und mit wachem Auge hinterfragen, sodass es sich uns in einem neuen Licht offenbart. Seit über dreißig Jahren beschäftigt Zerback sich fotografisch mit dem Thema Zivilisation – mit dem, was der Mensch geschaffen hat, und mit dem, was bleibt, wenn man ihn gedanklich aus der Welt nimmt.

Die Serie der Contemplationes umfasst Arbeiten aus den Jahren 2000 bis 2023, überwiegend analoge Fotografien, insgesamt 69 Bilder, von denen in der aktuellen Ausstellung 18 ausgewählte Arbeiten zu sehen sind.

Alle Fotografien zeigen auf den ersten Blick Landschaften, menschenleer: weite Horizonte, Wasserflächen, Sand- und Küstenabschnitte, Straßenränder, Übergangsräume. Die Orte wirken unspektakulär, beinahe beiläufig. Enthalten sind jedoch stets Spuren menschlicher Zivilisation: Straßenmarkierungen, Gerüste, Fortbewegungsmittel.

Auffällig ist die ästhetische Zurückhaltung, die die Bildgestaltung dominiert: sanfte Pastelltöne, aufgehellte Flächen, diffuse Lichtverhältnisse, eine Tendenz zur Entsättigung. Viele Arbeiten operieren mit einer Ästhetik, die das Motiv leicht entrückt erscheinen lässt.

Diese visuelle Verschiebung erzeugt Distanz; sie verwandelt die dargestellten Orte in Zwischenräume, die weniger wie konkrete Schauplätze, sondern vielmehr wie gedankliche Projektionen wirken.

Gerade hier liegt eine wesentliche Ambivalenz dieser Arbeiten. Auf den ersten Blick entfalten sie eine stille Schönheit: die Weite des Horizonts, die Ruhe der Komposition, das sanfte Licht erzeugen eine beinahe kontemplative Harmonie. Zugleich aber entsteht durch die konsequente Leere der Bilder, die Abwesenheit des Menschen, eine leise Irritation. Ein Gefühl von Verlassenheit, das den Szenarien innewohnt, uns befremdet.

Die Abwesenheit des Menschen ist somit nicht neutral. Sie erzeugt eine Atmosphäre, die zwischen Ruhe und Unheimlichkeit oszilliert. Was zunächst friedlich erscheint, beginnt beim längeren Betrachten eine andere Qualität anzunehmen: Die Orte wirken verlassen, nicht belebt; sie erscheinen nicht nur ruhig, sondern entvölkert. Diese subtile Verschiebung berührt etwas, das Sigmund Freud einst als das »Unheimliche« beschrieb, das Vertraute, das uns fremd geworden ist. Zerbacks Landschaften sind uns in ihrer Typologie vertraut, doch in der radikalen Abwesenheit ihrer Nutzer*innen verlieren sie ihre Selbstverständlichkeit.

Diese Spannung zwischen ästhetischer Anziehung und latenter Verstörung ist kein Nebeneffekt, sondern struktureller Bestandteil der Werkgruppe. Die Bilder verweigern eindeutige Stimmungen. Sie sind weder idyllisch noch dystopisch. Vielmehr halten sie einen Zustand in der Schwebe, in dem Schönheit und Irritation gleichzeitig präsent sind. Gerade dadurch entziehen sie sich einer unmittelbaren Festlegung und fordern ein, was der Titel der Werkgruppe lateinisch benennt: ein genaues Hinsehen, ein Verweilen.

Kontemplation meint hier jedoch keine romantische Naturversenkung, sondern eine konzentrierte Aufmerksamkeit gegenüber dem Sichtbaren und seinen impliziten Bedeutungen. Die ruhigen, oft horizontal gegliederten Kompositionen stabilisieren den Blick, während subtile Irritationen ihn zugleich verunsichern. In nahezu jedem Bild finden sich Spuren menschlicher Eingriffe, technische Relikte, Infrastrukturen, Fahrzeuge, Markierungen im Gelände. Der Mensch selbst ist abwesend, seine Ordnungssysteme sind es nicht.

An diesem Punkt öffnet sich ein kunsthistorischer Zusammenhang. Die Abbildung von Landschaft ist in der Bildgeschichte niemals bloß das Abbilden von Natur gewesen, sondern stets kulturelle Konstruktion. In der idealen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts erscheint sie als harmonische Bühne menschlicher Existenz; in der Romantik wird sie zur Projektionsfläche innerer Zustände, in der Moderne schließlich metaphysische Erfahrung. Mit der Industrialisierung verschiebt sich der Fokus: Landschaft wird zunehmend als transformierter, technisch durchdrungener Raum sichtbar, der symbolisch für die Entfremdung des Menschen von der Natur steht. Doch während die Malerei immer ein von Menschenhand entworfenes Bild von Landschaft generiert, wird der Fotografie seit ihrer Erfindung stets nachgesagt, genaues Abbild und Dokumentation des Vorhandenen zu sein – also eine Landschaft zu zeigen »wie sie ist«. Spätestens seit den 1960er Jahren, etwa im Kontext der fotografischen Bewegung der New Topographics, wird die Landschaft explizit als vom Menschen geprägtes Gefüge thematisiert.

Zerbacks Arbeiten stehen gewissermaßen in dieser Tradition, lösen sich jedoch von deren nüchterner Sachlichkeit. Während die New Topographics auf eine fast kartografische Objektivität setzten, überführt Zerback seine Motive in eine atmosphärische Bildsprache, die Realität und Imagination ineinanderblendet.

Vor dem Hintergrund des Ausstellungstitels »The World Without Us« wird diese künstlerische Strategie besonders relevant. Zerbacks Fotografien zeigen einen realen Zustand, überführen diesen aber in ein Gedankenexperiment: die Vorstellung einer Welt, aus der der Mensch getilgt ist, während seine Spuren fortbestehen. Diese Vorstellung begegnet uns in philosophischen und literarischen Entwürfen ebenso wie in gegenwärtigen Debatten um das Anthropozän – also jener Welt, als deren Mittelpunkt wir uns stets selbst verortet haben. Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Krisen wird diese Grundannahme zusehends hinterfragt.

Zerback entwirft jedoch keine dystopische Zukunftsvision einer »Welt ohne uns«. Die Fotografien zeigen keinen Umbruch, keine Katastrophe, sondern einen Zustand. Dadurch entsteht eine zeitliche Unbestimmtheit, ein Schwebezustand zwischen Gegenwart und möglicher Zukunft. Der Mensch erscheint nicht als handelndes Subjekt, sondern lediglich als vergangene Ursache, als Spur. Gerade in dieser doppelten Bewegung – Anziehung und Befremden, Schönheit und Leere – entfalten die hier gezeigten Arbeiten ihre besondere Intensität.

Sie verzichten auf eindeutige Botschaften und formulieren stattdessen Fragen: Wie nehmen wir unsere Umwelt wahr? Welche Zeit ist ihr eingeschrieben? Und welche Spuren unseres Handelns trägt sie – heute, und in Zukunft? Gerade in Zeiten, in denen die Folgen menschlichen Handelns global und unumkehrbar sichtbar werden – im fortschreitenden Klimawandel, im Verlust von Lebensräumen, in geopolitischen Erschütterungen –, sind es Fragen wie diese, die nicht zuletzt politische Bedeutung erhalten.

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Rezension »Rezension Lippische Landes-Zeitung« - 28.02.2026

Überbelichtet – mit System

Fotograf Rainer Zerback stellt ab Sonntag, 1. März, im Eichenmüllerhaus aus. Kommen die Bilder aus einer romantisch-schönen Welt – oder aus einer apokalyptischen?

Jens Rademacher

Lemgo-Brake. Ein Gebirgssee, in helles Licht getaucht. In der Mitte eine verlassene Badeplattform. Wasser und Berge – nur angedeutet. Liegt Nebel über der Szene? Wo sind die Menschen? Und: Ist das überhaupt ein Foto? Zumindest die letzte Frage lässt sich klar beantworten: Ja, das ist ein Foto, das ist nicht gemalt. Der Ludwigshafener Fotograf Rainer Zerback zeigt in der Städtischen Galerie 18 seiner Fotografien aus einer Serie. Eröffnet wird die Ausstellung am morgigen Sonntag, 1. März.

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