Fotografie • Fotojournalismus

                                                                                                             Foto: Dorothea Burkhardt

Places of Interest / Geopolis

Ausstellung »Radiale - Kunst im Kreis 2018«, Schloss Neckarhausen, Edingen-Neckarhausen

22.04. bis 10.06.2018

Einführung Hans Gercke

Was bisher Kreiskulturwoche und Atelier und Künstler genannt wurde, heißt jetzt Radiale. Der neue Name, nach langen und kontroversen Diskussionen geboren, versteht sich nicht als modische Kosmetik, sondern als Programm – als Programm freilich, das bereits vor vier Jahren als behutsame Modifikation und Fortschreibung einer über Jahrzehnte bewährten Tradition erarbeitet wurde und sich somit seinerseits bereits bewährt hat: die Neubenennung war mithin überfällig.

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Katalogtext Susanne Kaeppele

Places of Interest

Rainer Zerback fotografierte 2013 in Island und 2015 im Südwesten der USA seine Serie »Places of Interest«. Schon lange interessieren den Fotografen Orte, die Einsamkeit und Ruhe versprechen, sich aber dann genau in ihr Gegenteil verwandeln, nämlich zu Hotspots des Massentourismus werden. Eigentlich suchte der Fotograf im Zurückgezogensein die Stille und die Menschenleere, auch im Inneren, die dann von zahllosen anderen mit dem gleichen Bedürfnis empfindlich gestört wurde. Wenn etwa auf einem Wanderweg am Gletscher in Island 50 Leute unterwegs sind, die sich quasi die Klinke in die Hand geben, dann ist es vorbei mit der Stille, die jeder einzelne sucht. Aber die Bilder werden so auch zum Symbol unserer Zeit: Jeder einzelne sucht Ruhe und Frieden, die durch die Masse der Ruhesuchenden konterkariert, ja verunmöglicht wird. Und so auch zu einem Symbol des Warenfetischismus mit der richtigen Outdoor- und Funktionskleidung wird.

Oder der Marsch durch die Salzwüste in den USA: Auf ausgelegten Holzplanken wandeln die Touristen, die, wie man im Hintergrund sehen kann, natürlich mit ihren großen Autos an den Rand der Wüste gefahren sind, so nah wie möglich. Das Naturerlebnis wird so unmöglich gemacht, aber das wissen auch alle, und demonstrieren es mit ihrer Kleidung: hier Sommerfreizeitkleidung, im Vordergrund aber auch Funktionskleidung, sprich keine einfachen kurzen Hosen, sondern solche, die man mit Reißverschluss verlängern kann. Der Tourist will ja auf alles vorbereitet sein.

Ursprünglich wollte Rainer Zerback ja menschenleere Bilder machen, aber durch die Menge an Touristen wurden sie nicht so, wie er wollte. Also fügte er digital weitere Aufnahmen von Personen seinen Fotos der Natur hinzu, sprich er verstärkte den Effekt noch durch weitere Menschen in grellbunter Kleidung. Dass der Fotograf hier in die Aufnahme eingegriffen hat, merkt der/die aufmerksame BetrachterIn nur an einer gewissen Eigentümlichkeit, die den Bildern innewohnt, die aber unerklärlich bleibt.

Rainer Zerback arbeitet schon lange in seinen Fotoserien mit Eingriffen in das Bildgeschehen. Bei den »Contemplationes« (ab 2000) waren es Veränderungen der Farbwerte, bei den »Reflectiones« (ab 2002) die Umwandlung von Schwarzweiß in Farbaufnahmen, bei den »Constructiones« (ab 2007) der Reißbrettcharakter, der eher an Landschaftsarchitektur als an geologische Formationen denken lässt. Immer ist es dem Künstler wesentlich, dass deutlich wird, wie die »natürliche« Natur heute überhaupt nicht mehr existiert: Der Mensch hat sie erobert und verändert. Dass die positiven Gefühle, die die Natur im Menschen - und ihm bewusst seit der Romantik - auslösen kann, so vernichtet werden, das wird ihm heute leider zum Kollateralschaden.

© Dr. Susanne Kaeppele, September 2017

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