Metamorphosis - Die Schwäbische Alb im Wandel
Ausstellung im Kunstmuseum der Stadt Albstadt
13.03. bis 06.09.2026
Einführung Kai Hohenfeld
Meine Damen und Herren, liebe Menschen,
auch ich begrüße Sie ganz herzlich!
Rainer Zerback wurde 1958 in Stuttgart geboren und lebt heute in Ludwigshafen am Rhein. Er setzt sich seit 1989 intensiv mit der Fotografie auseinander, insbesondere mit der Farbfotografie. Seine künstlerische Bildsprache formiert sich in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre. Er bezeichnet sein Kernthema als die „Archäologie der Zivilisation“. Damit ist nicht die Dokumentation untergegangener Reiche des Altertums gemeint, sondern der analytische Blick auf unsere Gegenwart – in dem Wissen, dass alles was jetzt ist, in Zukunft Vergangenheit sein wird. Im Medium der künstlerischen Fotografie blickt er von einem erhöhten Standpunkt auf Orte, die der Mensch gestaltet hat.
Jede Fotografie ist ein Werk für sich: organisatorisch vorbereitet, konzeptuell durchdacht, ausgewogen komponiert und technisch brillant ausgeführt. Das Bild bewegt sich nicht, doch es hat eine suggestive Kraft, die unsere Imagination aktiviert: Lagern diese Strohballen, sind sie statisch, schwer, unbewegt? Oder rollen sie auf ihren Bahnen übers Feld wie in einer Rallye?
Jedes Bild ist die Einheit eines größeren Bildkomplexes, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Denn Rainer Zerback arbeitet in Serien. [PPT Tierhaltung] Diese werden über Jahre hinweg entwickelt und folgen jeweils einem eigenen Konzept, das auf eine einzigartige Wirkung und ein spezifisches Erkenntnisinteresse hin ausgerichtet ist. Metamorphosis ist solch eine komplexe Werkgruppe.
Metamorphosis ist der zweite Teil einer ambitionierten Trilogie. [PPT Futur Zwei] Deren erster Part trägt den Titel Futur Zwei und beleuchtet am Untersuchungsgegenstand Ludwigshafen die exemplarische Wandlung und Ist-Situation einer Stadt im Nachkriegsdeutschland. Der Titel verdeutlicht: Unsere Gegenwart ist die zukünftige Vergangenheit. Was also halten wir davon, und wie werden wir in Zukunft darüber denken? Auch hier wird nicht geurteilt. Der Künstler bietet uns lediglich ein vielfältiges Archiv von Ansichten, die wir individuell als reizvoll, skurril, abstoßend, öde, witzig oder überraschend ästhetisch empfinden können. Es liegt an uns, die Fotografien als künstlerische Kompositionen zu genießen oder als Anlass zu nehmen, unsere Gegenwart kritisch zu hinterfragen, um Rückschlüsse auf eine möglicherweise lebenswertere Zukunft zu ziehen.
Der dritte Teil der Trilogie ist noch in Arbeit. Er befasst sich mit der nächst größeren Einheit, dem Staat, am Beispiel von Kuba.
Im Projekt Metamorphosis wählt Rainer Zerback die Landschaft der Schwäbischen Alb als Untersuchungsgegenstand. Indem er ein umfangreiches Bildarchiv mit thematischen Clustern anlegt, dokumentiert er anhand repräsentativer Eindrücke den Jetzt-Zustand einer vom Menschen genutzten und geformten Welt. Die Schwäbische Alb wird damit zu einer Feldstudie für das Anthropozän. Damit ist das gegenwärtige Zeitalter gemeint, in dem der Mensch als wichtigster Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde einwirkt. Der Begriff ist nicht unumstritten. Er wird in der akademischen und künstlerischen Sphäre intensiv diskutiert. Als offizielle Bezeichnung für ein Erdzeitalter hat er sich bisher nicht durchgesetzt. Aber nehmen wir ihn als Anlass, eine bestimmte Perspektive einzunehmen, die unserer menschlichen Gestaltungsfähigkeit und Verantwortung besonderes Gewicht verleiht, dann wirkt dieser Terminus äußerst inspirierend und birgt das Potenzial für Erkenntnisgewinn.
Mit der Schwäbischen Alb ist ein Image verbunden. Was verspricht uns dieses? Es ruft die Vorstellung von einer Natur der rauen Schönheit hervor, deren Millionen Jahre alte Entstehungsgeschichte an vielen Stellen auf identitätsstiftende Weise abzulesen ist. Wird dieses Versprechen eingehalten? Zum Teil. Rainer Zerback konfrontiert uns mit der Realität. Wir als Menschen haben unseren Lebensraum gestaltet, die unberührte Natur existiert nicht mehr. Kann dort eine Idylle sein, wo sich ein Logistikzentrum befindet?
In der Serie Places of Interest verfolgt der Künstler eine vergleichbare Strategie. Er präsentiert uns Sehnsuchtsorte, deren Aura und Anziehungskraft auf der Vorstellung von Zurückgezogenheit basieren. Dabei ist die Realität vom Massentourismus geprägt. Die übersteigerte fotografische Aufnahme, die Rainer Zerback von einem erhöhten Standpunkt aus tätigt, trifft den Kern dieser Wahrheit.
In seinem Katalogbeitrag beschreibt Günter Baumann die Schwäbische Alb als „jene geheimnisvolle und kulturträchtige, manchmal als provinziell belächelte und von vielen als Sehnsuchtsort geliebte Region“. Aus historischer Sicht hat es diese Landschaft den Menschen besonders schwergemacht. Schlechte Böden und räumliche Isolation bedingten Armut und Auswanderung, zugleich beförderten diese Bedingungen auch den Erfindergeist und die Selbsthilfe. Neben dem eigentümlichen Reiz von Landschaft und Natur ist die Region von einem Strukturwandel geprägt. Auf einem ressourcenarmen Landstrich sind Unternehmen von Weltrang gediehen, es haben sich moderne Agrarbetriebe entwickelt und die touristische Erschließung sowie der Schutz der Ökologie haben vielfach Modellcharakter. Ich zitiere Günter Baumann: „Der Verwandlungsmoment, der sich im Titel der Werkgruppe ausdrückt, verweist auf das Spannungsfeld zwischen Traditionsbewusstsein und Modernisierungsdruck.“
Hier ist keine schwelgende Nostalgie, und ebenso keine trockene Reportage. Die Motive sind nicht nach ihrer Gefälligkeit ausgewählt, und doch hat jeder Bildgegenstand seinen unerwarteten Witz, seine ästhetische Ordnung und Struktur… oder auch seinen Abgrund. Zwischen den Polen der Idylle und der Anti-Idylle gibt es viele Abstufungen, die unsere hiesige Lebensrealität charakterisieren.
Seit dem Jahr 2023 arbeitet Rainer Zerback an der Werkgruppe Metamorphosis. Über 20 Mal ist er über die Schwäbische Alb gereist, um zu fotografieren. Dabei haben sich thematische Cluster herausgebildet. Diese sind in repräsentativer Auswahl in der Ausstellung vertreten: Wohnen und Bauen, Arbeits- und Lernwelten, Konsum, Adel, Verkehr und Infrastruktur, Militär, Glaube und Brauchtum, Dunkelheit, Freizeit und Sport, Ruhe und Natur. [PPT Euthanasie] Mit Dunkelheit ist das historische Kapitel der Euthanasie gemeint. Zum Wesen der Schwäbischen Alb gehören auch mahnende Erinnerungsorte. Hier zu sehen: die Gedenkstätte Grafeneck.
Rainer Zerback wirft einen scheinbar sachlichen Blick auf die Welt. Im Weitwinkel und mit höchster Tiefenschärfe werden die Topografie und alle Gegenstände erfasst. Seine fotografische Beobachtung wirkt wertfrei, als würde sie nicht urteilen. Es wird keine Anklage formuliert in dem Sinne: „Schaut her, was ihr angerichtet habt!“ Dies liegt dem Künstler fern. Seine Aussage in einem Interview über die Serie Contemplationes können wir auch auf die Fotografien der Metamorphosis-Reihe anwenden. Es geht Rainer Zerback darum „beim Betrachter einen Prozess des Bewusstwerdens und Nachdenkens über unsere Lebensräume auszulösen. Wohin dieser Prozess führt, möchte ich nicht vorbestimmen.“
Doch Fotografie ist nie objektiv, auch nicht die von Rainer Zerback. Immerhin beschreibt er seine Arbeit als künstlerische Fotografie. Die scheinbare Objektivität wird schon bei der Wahl des Motivs über Bord geworfen.
Rainer Zerback selektiert, was er bemerkenswert findet. Indem er einen Gegenstand fokussiert, blendet er einen anderen aus.
Außerdem entsprechen die Landschaft und Gegenstände, die wir im Foto sehen, womöglich nur zum Teil den tatsächlichen Gegebenheiten, die herrschten, als Rainer Zerback den Auslöser betätigte. Was bereits in der analogen Fotografie möglich war, wird von den Potenzialen der digitalen Fotografie noch übertroffen. Rainer Zerback unterzieht seine Bilder einer Überarbeitung, deren Intensität und Verwandlungsgrad ganz davon abhängt, welche Wirkung er erzielen möchte. Dass wir die Fotografie dennoch als authentisch empfinden, liegt daran, dass Rainer Zerback sensibel zu entscheiden weiß, wie die kalkulierte Übersteigerung den Eindruck der Repräsentativität noch verstärkt. Nehmen wir zum Beispiel die Farbe. Diese ist nämlich kein objektiver Fakt, sondern ein Gestaltungsmittel. Die Farbe kann überhöhen, abmildern, umdeuten, verschleiern. Die Fotografie, so wie Rainer Zerback sie einsetzt, hat das Potenzial, so wirklich zu erscheinen, dass sie wieder etwas Unwirkliches und Mystisches bekommt. Manch ein Bild tendiert zum Magischen Realismus.
Weitere Kategorien der Bearbeitung sind die Feinabstimmungen von Helligkeit, Kontrast und Tonwerten. Um perspektivische Verzerrungen auszugleichen, die in der Architektur am offensichtlichsten in Erscheinung treten, werden stürzende Linien ausgeglichen.
Je nach Motiv und intendierter Wirkung bedient sich Rainer Zerback eines Gestaltungsmittels, das er als „Composing“ bezeichnet. Das Foto Motocross ist hierfür exemplarisch. Über 500 Bilder hat der Künstler geschossen. Davon wurden ca. 50 bis 60 selektiert, aus denen das vorliegende Kunstwerk zusammengesetzt ist. Das gilt vor allem für die menschlichen Figuren vom Vordergrund bis in den tiefsten Hintergrund. Über das Composing sagt Rainer Zerback: „Ich will nicht verfälschen, sondern Wirklichkeit verdichten.“
Bei anderen Motiven wendet er das Prinzip bewusst nicht an. Beispielsweise bei der Darstellung eines Sportmatches. Die Spielsituation würde sonst unlogisch erscheinen.
Auf einem Werksgelände während des Betriebes zu fotografieren setzt Erklärungen, Absprachen und Genehmigungen voraus. Nicht alles, was im Bild festgehalten wird, darf auch auf dem letztgültigen Foto erscheinen. Für die Aufnahme Möbelproduktion zum Beispiel musste Rainer Zerback auf der Bank im Hintergrund zwei vespernde Arbeiter entfernen.
Um der Komposition der Aufnahme Recycling die nötige Spannung zu verschaffen, fügte der Künstler dem Motiv eine Figur als „Farbklecks“ hinzu. Es handelt sich um ein verstecktes Selbstbildnis. Wir halten ihn für einen Arbeiter, doch die Rückenfigur ist Rainer Zerback. Von uns ungesehen, hält er ein Tablet in den Händen. Darauf sieht er das aktuelle Kamerabild. Er bestimmt für sich die optimale Position im Bild und betätigt den Fernauslöser.
Mittels Composing gestaltet der Künstler aktiv die narrative Struktur seiner fotografischen Bildwelten.
Methoden der Montage, Verwandlung und Überspitzung finden sich in allen seinen Serien. Beispielsweise werden in der Werkgruppe Places of Interest in einer Fotografie mehrere Aufnahmen miteinander kombiniert. So ergibt sich eine ausgewogene Verteilung der Touristen und eine erzählerische Wirkung. Die Fotografie wird zu einem anspruchsvollen Wimmelbild.
Die Contemplationes bestechen durch ihre atmosphärische Farbigkeit. Es ist gerade diese Art, die Darstellung der Wirklichkeit zu entrücken, welche den meditativen Reiz der Serie ausmacht.
Mit diesen Beispielen gewinnen wir einen Überblick über das fotografische Schaffen von Rainer Zerback und können die Werkgruppe Metamorphosis in ihrer Einzigartigkeit besser erfassen.
Eine wesentliche Gemeinsamkeit der Fotografien ist der erhöhte Standpunkt, von dem aus wir die Szenerie überschauen. Das Stativ des Künstlers lässt sich auf sieben bis acht Meter hochfahren. Diese Perspektive unterscheidet sich maßgeblich von unserer Alltagserfahrung. Die Distanz ruft Nüchternheit hervor. Sie ermöglicht es uns, dass wir von den gewohnten Eindrücken, Klischees und Vorurteilen Abstand nehmen und das Vorliegende neu betrachten. Der schwebende Standpunkt regt zum analytischen Schauen an.
Manche Orte lassen sich selbst mit dem Stativ nicht überschauen. Dann greift Rainer Zerback auf eine Drohne zurück. Doch auch in diesem Fall orientiert er sich am gewohnten Blickwinkel, als wäre das Stativ noch viel weiter ausgefahren.
Wenn Sie gleich die Ausstellung im ersten Obergeschoss durchstreifen, dann betrachten Sie die Fotografien sowohl aus der Nähe als auch aus der Distanz. Nehmen wir vom Bild Abstand, dann wirkt auf uns die Komposition, die Perspektive, die Stimmung. Gehen wir ganz nah heran, dann können wir uns in den erzählerischen Details verlieren, die bis in die letzten Tiefen der Darstellung nachvollziehbar sind.
Nutzen Sie die Gelegenheit zum Gespräch mit dem Künstler Rainer Zerback!
Zur Ausstellung ist ein Katalog im Kerber Verlag erschienen, der die umfangreiche Bildserie Metamorphosis vorstellt und zugleich in Texten inhaltlich begleitet: verfasst von Prof. Dr. Annett Steinführer, spezialisiert auf die Erforschung der Soziologie ländlicher Räume, und von Kunsthistoriker Dr. Günter Baumann. Nutzen Sie die Gelegenheit, sich heute den Ausstellungskatalog von Rainer Zerback signieren zu lassen!
Die Fotografien in der Ausstellung sind verkäuflich. Es handelt sich um hochwertige Fine-Art-Prints in begrenzter Auflage. Eine Preisliste liegt aus. Bei Interesse sprechen Sie uns gerne an.
Nun dürfen wir uns auf weitere Songs von Ihab Sagr, Zippo und Ray freuen. Danach sind Sie herzlich eingeladen, die Ausstellung zu erkunden und im Forum auf die Eröffnung anzustoßen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Rezension »Zollernalb-Kurier« - 09.03.2026
Des Menschen Spuren in der Landschaft
Das Kunstmuseum Albstadt eröffnet am Freitag, 13. März, um 18.30 Uhr die Ausstellung »Rainer Zerback – Metamorphosis«. Der Künstler ist zur Vernissage anwesend.
ALBSTADT – Nach der Begrüßung durch OB Roland Tralmer führt Museumsdirektor Kai Hohenfeld in die Ausstellung ein. […] Der Eintritt ins Museum ist am Eröffnungstag ab 14 Uhr frei. Die Ausstellung läuft bis Sonntag, 6. September.
Buchbesprechung »NDR Kultur - Bildschöne Bücher« - 11.05.2026
Verstörend schön: Fotos einer kalt domestizierten Umwelt
Rainer Zerbacks Bildband »Metamorphosis« zeigt die Schwäbische Alb als künstlich geformte Landschaft – ästhetisch, kalt und melancholisch. So sichtbar war unser Eingriff in die Natur selten.
Von Janek Wiechers
Die Umwelt, wie wir sie kennen, hat mit ursprünglicher Natur kaum noch etwas zu tun. Die Landschaft um uns herum ist ein Kunstprodukt, das der Mensch seit Jahrtausenden verändert. Land- und Forstwirtschaft, Siedlungen, Straßen und Industrie hinterlassen Spuren. Mit diesem Thema beschäftigt sich künstlerisch der Fotograf Rainer Zerback. In seinem neuen Bildband geht es genau darum – um die Verwandlung der Landschaft.


