Fotografie • Fotojournalismus

Der Fotograf als Regisseur des Bildes

Künstler sind exzentrisch, sie leben von und für ihre Kunst und stehen immer am existenziellen Abgrund. Sie ahnen visionär gesellschaftliche Entwicklungen voraus, verblüffen damit ihre Mitmenschen und öffnen der Gesellschaft die Augen. Und vor allem: Künstler sind Individualisten, die als Getriebene ihres Schöpfungsdrucks fast zwanghaft nicht anders können, als Kunstwerke zu produzieren.

So weit das Klischee – aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Kann ein Einzelner die hohen und immer weiter steigenden Ansprüche an Kunst, auch und gerade an Fotokunst noch erfüllen? Sind in Zeiten des Teamworks, der Projektarbeit, der Vernetzung die Zeiten des Künstlers als Einzelkämpfer vorbei?

Mit dem digitalen Zeitalter und seinen Möglichkeiten der Aufnahmesteuerung, der sofortigen Bildkontrolle und der umfassenden Bearbeitung, die prinzipiell jedermann zur Verfügung stehen, hat sich die Bildqualität sprunghaft verbessert. In Abgrenzung dazu sind die Anforderungen an kommerzielle und künstlerische Bilder enorm gestiegen, ist der Entstehungsprozess dieser Bilder umfangreicher und komplexer geworden. Lange Zeit herrschte die Auffassung vor, der Fotograf müsse sich als einsamer Wolf nur zielstrebig und ausdauernd genug auf die Suche nach seinem Motiv begeben, um dann, wenn er es gefunden habe, auf den Auslöser zu drücken. Der bessere Fotograf war eben der hartnäckigere Sucher. Inzwischen kümmert sich längst auch im Bereich der Fotokunst ein ganzes Heer von spezialisierten Dienstleistern um die Realisierung von Bildern. Anders als in der Filmbranche wird in der künstlerischen Fotografie dieses Helfertum allerdings meist verschwiegen und so getan, als sei der Fotograf der alleinige Schöpfer seiner Bilder. Wir sollten uns mithin von herkömmlichen Normen lösen und dem Fotografen die Rolle attestieren, die ihm in Analogie zur Herstellung bewegter Bilder mehr und mehr zukommt: die des Regisseurs des stehenden Bildes.